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Interview mit Hebamme Manuela Raydt

August 27, 2019

Frau Raydt, würden Sie uns bitte etwas zu Ihrer Person erzählen.

Ich wirke seit mehr als 20 Jahren als freiberufliche Hebamme westlich von Hamburg. Im Verlauf meiner beruflichen Entwicklung habe ich alle Facetten der Hebammentätigkeit ausgeübt und habe mich laufend in alternativen Heilmethoden fortgebildet. Hierbei ist die Homöopathie schon lange mein  Begleiter. Bereits vor meiner Hebammentätigkeit war die Homöopathie ein Bestandteil meiner eigenen Therapieansätze. Um mein Wissen für meinen Beruf nutzen zu können, habe ich während meiner Hebammenausbildung die Homöopathie-Fortbildung begonnen.

Dieses Wissen habe ich durch die Schüßler-Salz-Therapie in den Jahren ergänzt.

Ich bin dankbar für meinen Blumenstrauß an Heilmethoden, der es mir in meiner täglichen Arbeit ermöglicht, die Beschwerden der Schwangeren und Wöchnerinnen zu lindern.

Worauf müssen Schwangere achten?

Eine gute Nachricht vorab: Schwanger werden geht meist nur in einem gesunden Körper, dies ist ein natürlicher Prozess im Leben einer Frau!

Zur Gesunderhaltung ist eine ausgewogene, vollwertige Ernährung wichtig. Auf der Grundlage der Ernährungspyramide mit einer breiten Basis aus Wasser/Tee/Gemüse/Obst/Getreide, wenig tierischen- und zuckerhaltigen Lebensmitteln kann jede Schwangere sich und ihr ungeborenes Kind mit den nötigen Nährstoffen versorgen.

Mineralstoffe können in der Regel über die Ernährung aufgenommen werden, hier sind Vollkornprodukte und biologischer Anbau von nutzen. Ausnahme sind bereits vorhandene Defizite, die gezielt aufgefüllt werden müssen. Eine Schwangerschaft ist für Frauen eine Chance bewusster mit der eigenen Ernährung umzugehen. Das ungeborene Kind bildet bereits im Mutterleib seine Geschmackssensoren aus, ein zusätzlicher Ansporn auf die eigene Ernährung zu achten; das Baby isst mit!

Gilt das auch für die Stillzeit?

Ja, wenn Frauen einen ähnlichen Ernährungsstil aus der Schwangerschaft in die Stillzeit übernehmen, kennen die Kinder quasi schon die Ernährungsgewohnheiten und auch die Umstellung auf die Beikost gelingt so leichter.

Stillen ist die normale Ernährung eines Babys!

Die Muttermilch besteht aus aktuell bekannt über 400 Inhaltstoffen, sie wird vom Körper der Mutter immer auf den jeweiligen Bedarf und dem Alter des Kindes zusammengesetzt. Daher ist es wichtig, dass sich die Frauen in der Stillzeit gut und gesund ernähren um diese tolle Leistung vollbringen zu können ohne ihre eigenen Speicher zu leeren.

Thema Infekt in der Schwangerschaft, was sind Ihre Tipps?

Der wichtigste Faktor ist hier die Stressvermeidung!

Es gibt zahlreiche voll berufstätige Frauen mit einem hohen Stresslevel, der oft das Immunsystem schwächt. Wenn die Frauen ihre Stressbelastung reduzieren, stabilisiert sich meist auch das Immunsystem. Infekte und Schwangerschaftsbeschwerden treten nicht mehr auf oder sind in einem erträglichen Maß. Eine Schwangerschaft ist einerseits ein normaler Prozess bedeutet jedoch auch eine körperliche Höchstleistung. Dieses Bewusstsein versuche ich den Frauen zu vermitteln und sie in ihrer Selbstwahrnehmung zu unterstützen. Neben der guten Ernährung, einer Schlaf/Ruhezeit von ca. 8 Stunden ist Bewegung ein wichtiger Bestandteil der Infektabwehr. Von Beginn der Schwangerschaft animiere ich die Frau zur moderaten Bewegung an der frischen Luft für 30 Minuten täglich. Die Bewegung baut Stress ab und stärkt das Immunsystem.

 Wenn es doch einmal zu einem Infekt kommt?

Dann empfehle ich gern allgemeine Maßnahmen und Hausmittel. In der Homöopathie gebe ich keine allgemeinen Empfehlungen. Ich bin  klassisch-homöopathisch orientiert, d. h. ich berücksichtige die Lebenssituation, die Umstände und die differenzierte Symptomatik. Eine Ausnahme ist der Heuschnupfen. In der Schwangerschaft kann diese Allergie manchmal gar nicht auftreten oder leider verstärkt! In diesem Fall empfehle ich ein homöopathisches Präparat mit der passenden Indikation. Allopathische Medikamente dürfen die Frauen in der Zeit der Schwangerschaft bedingt einnehmen; die Schwangeren haben jedoch einen großen Respekt vor der Einnahme, daher ist die Homöopathie eine gute Unterstützung. Auch bei vorzeitigen Wehen und Rückenbeschwerden arbeite ich gern mit der Homöopathie.

Was empfehlen Sie zur Geburtsvorbereitung

Die wichtigste Geburtsvorbereitung ist es ein Bewusstsein bei beiden werdenden Eltern zu schaffen, dass eine Geburt ein einmaliges, bedingt kontrollierbares und lebensveränderndes Ereignis ist! Hierbei spielt es keine Rolle ob es das erste, zweite oder fünfte Kind ist. Jede Geburt ist einmalig und verändert die bisherige Lebenssituation.

Wichtig ist, sich auf dieses Geschehen einzulassen; sich der Geburt hin zu geben, unabhängig vom Verlauf und den jeweiligen Hürden mit der Wahrnehmung aus der eigenen Kraft dieses Kind zu gebären. Hierin besteht in unserer Zeit die größte Kunst, etwas anzunehmen, dem eigenen Körper vertrauen und nicht zu wissen, was im nächsten Augenblick passieren kann.

Unterstützend für die Geburt ist das Praktizieren von bewussten Atemübungen, Beckenkreisen/Tanzen und der Schwangerschaftswoche entsprechender Bewegung.

Haben Sie in den 23 Jahren Ihrer Tätigkeit eine Veränderung bemerkt?

Anfangs gab es ein größeres Bestreben nach alternativer Geburtshilfe mit altem Wissen, Hausmitteln und andere Lebenseinstellung. Dann gab es zumindest hier im Norden eine Zeit, in der die werdenden Eltern wenig dazu bereit waren, eine Alternative anzunehmen. In den ca. letzten fünf Jahren werden die Menschen wieder sensibler und wollen eigene Wege gehen. Sie akzeptieren nicht alles und hinterfragen viel. Ein Fest für jede Hebamme, die daran interessiert ist, dass Frauen selbstbestimmt handeln!

Unter anderem ist es jetzt selbstverständlich, das Babys getragen werden wollen, hierfür mussten wir Hebammen lange Zeit eine große Überzeugungsarbeit leisten. Mit dem bewussten Umgang unserer Ressourcen erleben die Stoffwindeln ein Comeback!

Zum Glück gab es in meiner bisherigen Hebammentätigkeit immer Familien, die mit einem Selbstverständnis ihre Kinder begrüßt haben. Es ist jedoch eine große Freude, wenn meine Grundsätze zum Umgang mit kleinen und großen Menschen für immer mehr eine Selbstverständlichkeit sind.

Karlsruhe, 12.07.2019

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