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Interview mit Apotheker Wolfgang Kempf

April 10, 2019

Guten Tag Herr Kempf, bitte erzählen Sie uns aus Ihrer Vita:

Ich bin – auf einen kurzen Nenner gebracht – Apotheker aus Leidenschaft: Nicht ideologisch ausgerichtet, offen für die Belange meiner Kunden und Patienten und deren Wünschen und Wohl verpflichtet. Und nur dem! Das sieht man schon daran, dass ich 1979, vor genau vierzig Jahren, gleich nach meinem pharmazeutischen Staatsexamen in der Pfalz eine Land-Apotheke eröffnet und mich selbst quasi ins eiskalte Wasser begeben habe. Ich habe es keinen Tag bisher bereut. Seit 1989 führe ich im Rhein-Neckar-Zentrum in Viernheim die Rhein-Neckar-Apotheke, 2008 kam die Rathaus-Apotheke als Filiale in Viernheim hinzu. Ich bin Fachapotheker für Offizin-Pharmazie und für Gesundheitsberatung. Das sind meine Plätze, wo ich mich wohlfühle. Auch im Umfeld der stationären Apothekenwelt bin ich aktiv – im European-Pharmacists-Forum EPF, wo wir Konzepte entwickeln, wie man die inhabergeführte Vor-Ort- -Apotheke angesichts der gewaltigen Herausforderungen der Zukunft gut und nachhaltig aufstellen kann. Oder im Apothekenfachkreis, wo es um die zukunftsorientierte Anwendung der Digitalisierung in der Vor-Ort-Apotheke geht.

 

Welchen Stellenwert haben die homöopathischen Arzneimittel in Ihrer Apotheke?

Homöopathische Arzneimittel haben für mich und meine Mitarbeiterinnen einen wichtigen Stellenwert, weil sie das Arzneimittelspektrum abrunden und ergänzen, das wir in unserer Apotheke anbieten. Wir haben einen beachtlichen Kundenkreis, der Homöopathie aktiv nachfragt. Da braucht es Antworten, Wissen und Beratung. Unsere Kunden wissen – auch weil sich das herumspricht, dass wir eine relativ breite Palette homöopathischer Arzneimittel im Vorrat haben und bei Nachfrage darüber kompetent beraten können. Das schätzen auch die Kunden, die beispielsweise zu einem allopathischen Präparat eine zusätzliche „sanfte“ Empfehlung wünschen. Für uns gilt allerdings ein Grundsatz: Wir beraten nur zu Tiefpotenzen, also z.B. D6 oder D12, den Einsatz von Hochpotenzen überlassen wir erfahrenen und geschulten Ärzten und Therapeuten. Das ist nicht unser Metier und übersteigt unsere Kenntnis. Übrigens: Das gebietet auch die Ehrlichkeit und der Respekt vor den „Therapie-Insidern“. Für mich selbst und mein Team gibt es eine eherne Selbstverpflichtung – übrigens nicht nur für die Homöopathie:Wir überreden niemandem zu seinem „Glück“, unabhängig davon, dass wir fundierte Empfehlungen aussprechen: Der Kunde ist zu jeder Zeit „König“ und Herr seiner Entscheidung – d.h. er kann aus freien Erwägungsgründen unserer Expertise zustimmen oder sie ablehnen. Das ist für mich das Grundverständnis von guter und ehrlicher Beratung bzw. Empfehlung.

 

Gibt es eine spezielle Klientel, die homöopathische Arzneimittel nachfragt?

Wir sehen verstärkt junge Mütter, die nach eine „sanften“ Medikation suchen und sich in vielen Fällen schon zuvor über alternative Heilmethoden informiert haben. Das ist für uns dann natürlich schon ein gezielter Beratungswunsch, den wir nach objektiven Maßstäben gerne „bedienen“.  Beispielsweise können wir bei einer Reihe von leichteren Erkrankungen ein passendes homöopathisches Mittel empfehlen. Aber wir müssen immer die „Alarmkaskade“ vor Augen haben: Das bedeutet konkret, dass wir uns unserer Verantwortung und Grenzen bewusst sein müssen. Wir müssen wissen, wo wir ein homöopathisches Arzneimittel einsetzen können, wann ein schulmedizinisches Präparat angezeigt und wo ein Arztbesuch indiziert ist. Kommt eine Mutter mit einem Kind, das hohes Fieber hat, raten wir ohne Diskussion dazu, sofort einen Arzt zur weiteren Abklärung aufsuchen. Da kann die Homöopathie allenfalls nur unterstützend helfen.

 

In welchen Bereichen können Sie homöopathische Arzneimittel begleitend empfehlen?

Beispielsweise bei chronischen Problemen des Bewegungsapparates mit Schmerzen empfehle ich gerne nach intensiver Nachfrage des Krankheitsverlaufes etwas Ergänzendes aus dem homöopathischen Spektrum. Das kann durchaus zu einer Schmerzlinderung beitragen. In vielen Fällen – das zeigt meine Erfahrung – lassen sich dadurch manchmal auch die notwendigen schulmedizinischen Mittel reduzieren. In diesen Fällen gibt es von uns – quasi eine hausinterne „Standardanweisung“ an das Team – immer den Hinweis an den Patienten, mit dem behandelnden Arzt die sanfte Co-Medikation abzuklären. Im Übrigen: Ich halte sehr wenig davon, mit Scheuklappenmentalität ausschließlich auf eine Therapielinie zu setzen und Alternativen abzutun. Optimal ist es aus meiner Sicht, wenn man verschiedene Richtungen kombinieren kann. Letztendlich steht das Wohl und die Gesundheit des Patienten im Mittelpunkt und natürlich seine Entscheidung, entsprechende Alternativen zu akzeptieren oder auch abzulehnen.

 

Haben Sie auch persönliche Erfahrung?

Ja. Ich gebe aber zu, ganz am Anfang skeptisch gewesen zu sein! Durch wiederholte eigene Erfahrung weiß ich aber, dass eine Wirkung da ist, auch wenn aus naturwissenschaftlicher Sicht der Wirkmechanismus nicht belegt werden kann. Bestes Beispiel, dass dies nicht allein Placebo sein kann, ist für mich die Wirkung bei Kindern oder auch Tieren. Als tolerant denkender Mensch habe ich durchaus Verständnis für eine kritische Einstellung gegenüber der Homöopathie. Auf der anderen Seite sollte man aber trotz aller Skepsis durchaus verinnerlichen, dass es sehr viele Beispiele dafür gibt, dass Homöopathie als sanfte Medizin wirkt. Ich komme wieder auf meine Grundüberzeugung zurück: Man muss den Patienten die Freiheit lassen, Homöopathie anzuwenden oder auch nicht.

 

Was würde fehlen, wenn es homöopathische Arzneimittel nicht in der Apotheke hätten?

Mir würde ein wichtiges Segment im Gesamtspektrum meines Angebotes fehlen. So mancher sieht die „Keule“ der Schulmedizin mit Skepsis – insbesondere dann, wenn er die Erfahrung gemacht hat, dass die Causa, also die Ursache, der Erkrankung damit nicht getroffen wurde. In diesen Fällen sind viele Patienten auf der Suche nach Alternativen. Eine dieser Alternativen ist für mich die Homöopathie. Wobei, und das ist mir wichtig, immer wieder zu betonen, der Kunde hier entscheidet.

 

Was ist für Sie ehrliche und ethische Beratung in der Apotheke?

Beides gilt für mich ohne Wenn und Aber für das Gesamtspektrum der Arzneimittel. Ehrlich bedeutet beispielsweise, zu sagen, „Homöopathie ist jetzt nichts für Dich – in diesem Zustand brauchst Du dringend die Schulmedizin!“ Ehrlich bedeutet aber auch, dass ich als Alternative ebenfalls ein homöopathisches Arzneimittel anbieten kann, wenn es passt. Ich verstehe, dass man bezüglich der Evidenz in der Homöopathie kritischer Meinung sein kann. Auf der anderen Seite darf man diesem Standpunkt genauso entgegenhalten, dass es viele Studien gibt, in denen untersuchte Homöopathika eine Wirkung zeigen, auch wenn der Mechanismus im Augenblick noch nicht wissenschaftlich belegbar ist. Wenn man mit einem „weichen“ Arzneimittel eine Erkrankung oder eine Befindlichkeitsstörung positiv begleiten, vielleicht sogar heilen kann, dann ist es für mich ehrlich und ethisch, diese Alternative anzubieten.

 

Wie wichtig ist für Sie die Apothekenpflicht von Homöopathika?

Wichtig sind für mich vor allem Wunsch und Präferenz des Patienten. In der Apotheke bin ich gehalten, über und zu Arzneimitteln zu beraten – ganz gleich, ob es ein Kundenwunsch ist, eine Empfehlung von mir oder ob eine Verordnung vorliegt. Das garantiert die Apothekenpflicht. Außerhalb der Apotheke findet keine Fachberatung statt. Übrigens basiert die pharmazeutische Herstellung homöopathischer Arzneimittel auf dem „Homöopathischen Arzneibuch“. Auch diese Tatsache ist für mich Grund genug, dass Homöopathie der Apothekenpflicht unterstellt bleibt. Sicherlich wird mir der eine oder andere aus dieser Haltung heraus verdecktes Umsatz- und Gewinnstreben unterstellen. Ist es nicht. Denn jeder, der halbwegs vernünftig rechnen kann, weiß, wo die höheren Margen liegen.

In der Homöopathie sehe ich Chancen und Alternativen – vor allem für die Menschen, die affin sind und die auf Grund eigener Erfahrungen Verbesserungen bzw. die Wirksamkeit erlebt haben. Letztendlich gilt es abzuwägen zwischen vorliegender Erkrankung, dem Zustand des Patienten, dem eigenen Erfahrungshorizont und der Präferenz des Patienten, der von mir Rat und Hilfe erwünscht. In diesem Spannungsfeld versuche ich als Heilberufler meiner Aufgabe ohne „Scheuklappen“, aber nach bestem Wissen und Gewissen gerecht zu werden.

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