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Interview mit Dr. med. Jakob Gruber

Mai 20, 2019

Guten Tag Herr Dr. Gruber, würden Sie uns bitte etwas zu Ihrer Person sagen.

Ich bin Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie und anthroposophischer Arzt. Zusätzlich führe ich die  Zusatzbezeichnungen Hypertensiologie der Deutschen Hochdruckliga, sowie Naturheilverfahren und Homöopathie. Ich war einer der ersten Studenten, der noch während der Studienzeit in Berlin die Ausbildung klassische Homöopathie gemacht hat. Heute leite ich die Abteilung für integrative Kardiologie am Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke. Wir behandeln hier sämtliche akuten und chronischen Herz-/Kreislauferkrankungen. Ich war als Arzt zuvor tätig an der Charité in Berlin und dem Universitätsklinikum Düsseldorf und leite seit 2012 die Kardiologie in Herdecke. Seit 2013 bin ich leitender Oberarzt. Neben vielen Vorträgen, die ich regelmäßig halte, habe ich u.a. an dem Bestseller „Bluthochdruck – das 3-Typen-Konzept“ und „Das Herz stärken“, beide GU Verlag, mitgewirkt. Und ich bin Mitinitiator und ärztlicher Leiter unserer Herdecker Herzschule.

Was ist das Besondere an Herdecke?

Herdecke war das erste anthroposophische – und zugleich chefarztlose Krankenhaus in Deutschland. Es wurde 1969 vom anthroposophischen Arzt Gerhard Kienle gegründet. Er strebte vor allem nach einer menschengemäßen Medizin, die genau schaut, was dem Patienten hilft. Ergänzt um alle Methoden, die seriös sind und zusammengefügt werden können. Er war damit einer der ersten, der die integrative Medizin umgesetzt hat. Das Besondere ist heute, dass wir eine moderne regionale Versorgung mit allem anbieten, was der Patient braucht. Schwerpunkt ist die anthroposophische Medizin. Es gibt aber das Angebot an weiteren naturheilkundlichen Verfahren. Man sieht unsere Besonderheit vor allem an der Vielzahl von Therapeuten z.B. für Musiktherapie und Sprachgestaltung. Auch die Pflege ist mit einbezogen z.B. in Form äußerer Anwendungen wie Wickel und Einreibungen. Auch auf der Intensivstation bei Patienten im Koma machen wir z.B. Musiktherapie und Lavendel-Fußeinreibungen. Medikamentös arbeiten wir vor allem mit anthroposophischen Präparaten, aber es gibt natürlich auch den Spielraum für den Einsatz von homöopathischen Mitteln.

Was sehen das die Patienten, kommen sie ganz gezielt in das Gemeinschaftskrankenhaus, was ist anders in der Kardiologie in Herdecke?     

Es gibt zum einen die regionalen Patienten, die als Notfall kommen. In der Kardiologie habe ich aber auch viele überregionale Patienten, die eine andere Medizin von uns wollen. Die Kardiologie gilt als die technisierteste internistische Disziplin. Hier steht der physische Aspekt des Menschen im Vordergrund. Alles wird gemessen, es werden technische diagnostische und therapeutische Instrumente eingesetzt wie Herzkatheter, Schrittmacher, Defibrillatoren, Ablationen bei Rhythmusstörungen. Aber wir haben es mit lebenden Menschen zu tun, die eben keine Maschinen sind. Da gibt es eine totale Kluft zwischen den beiden Polaritäten. Dem Patienten geht es nicht gut, er kann nicht schlafen oder er hat Ängste, weil es immer rumort in seiner Brust. Dann wird ein technischer Eingriff gemacht. Aber das seelische Befinden des Patienten, wie es ihm geht oder welche Probleme er hat, wird leider oft nicht berücksichtigt. Wir versuchen hier, das einzubeziehen, zu schauen, wie das seelische Befinden ist und worunter der Mensch leidet. Und wir führen das mit der modernen Kardiologie zusammen. Zum Beispiel bringen wir Patienten mit Angina pectoris, die keinen Stent benötigen, auch eine Herzeinreibung bei und versuchen zu seinen Standardpräparaten zusätzliche homöopathische Medikamente wie Cactus. Das Herz ist eng mit dem seelischen Erleben verbunden als quasi Spiegel der Seele. Wir kümmern uns hier auch um diese Dimension. Das ist das relative neue Feld der integrativen Kardiologie.

Gibt es in Herdecke auch einen anderen medikamentösen Ansatz?

Erwähnenswert ist hier vor allem ein klassisches Medikament aus der anthroposophischen Medizin mit Eselsdistelblüten, Bilsenkraut, Primelblüten das wir einsetzen. Es wirkt salutogen, also rhythmisierend, ausgleichend und gesunderhaltend. Darüber hinaus gibt es viele andere bewährte Mittel wie Weißdorn, Schlehe, usw. Und man kann auch mit äußeren Anwendungen unterstützen. Wir arbeiten hauptsächlich mit anthroposophischen Medikamenten, aber auch mit Homöopathie, wenn einer unserer Ärzte den Impuls dazu mitbringt.

Wie sehen ihre kardiologischen Kollegen ihre Spezialisierung bzw. das besondere Konzept hier?

Es gibt viele, die mich bzw. unsere Arbeit kennen und das anerkennen und wertschätzen. Aber es gibt auch viele Vorurteile. Wir versuchen uns an Kongressen zu beteiligen. Allerdings wird das Thema „Integrative bzw. Komplementäre Medizin in der Kardiologie“ nach wie vor mit Skepsis behandelt.

Kurze Frage zur Klärung, was ist der Unterschied zwischen integrativ und ganzheitlich?

Integrativ ist die Anwendung von seriösen sich ergänzenden Methode, die nicht nur naturheilkundlich sein müssen, also wie z.B. Physiotherapie und Musiktherapie. Ganzheitlich heißt, ich erfasse den Patienten in seiner physischen, seelischen und geistigen Gesamtheit. Ganzheitliche Medizin war anfänglich mein Schwerpunkt. Ich habe vor etlichen Jahren z.B. das 3-Typen-Konzept beim Bluthochdruck mit aufgebaut und entwickelt. Im Krankenhaus kann man mit Bluthochdruck-Patienten natürlich keine ganzheitliche Therapie machen. Aber man kann die Patienten individuell abholen und versuchen, z.B. ihren Lebensstiel anzupassen, der ja oft eine der Ursache für Bluthochdruck ist. Wir haben hier in Herdecke dafür eine Herzschule, in der wir ein Jahr Patienten mit verschiedenen Herzerkrankungen betreuen und versuchen, ihren Lebensstil zu modifizieren.

Wie sehen Sie die Zukunft der Medizin?

Es gibt zwei Richtungen nach meiner Einschätzung. Zum einen gibt es moderne Entwicklungen wie die künstliche Intelligenz oder molekular-biologische Ansätze. Das wird ein ganz großes Faktum werden in der Medizin. Für mich macht das aber auch eine Entmenschlichung, weil der Mensch in seiner körperlich-/seelischen/-geistigen Ganzheitlichkeit dahinter verschwindet. Die andere Richtung, die ich sehe, ist, diese Aspekte mit aufzugreifen. Meine Vision ist, dass die Patienten sagen, es reicht mir nicht, wenn ich eine Pille bekomme und dann soll sich meine Biologie verändern und ich soll gesund werden. Ich will als Patient auch verstehen was Krankheit bedeutet und wie ist das in meiner Biografie zu verstehen. Ich glaube, dass die integrative Medizin dazu einen ganz wesentlichen Beitrag leisten kann. Meine Vision ist, dass auch die Prävention wesentlich mehr Gewicht bekommt und es Abteilungen dafür gibt, die sich darum kümmern. Auch in den Schulen sollte Gesundheit ein Thema sein.

Haben Sie noch ein abschließendes Wort?

Insgesamt geht es in der Medizin darum, Fronten aufzubrechen. Das Herz z.B. ist in der anthroposophischen Medizin das Zentralorgan des Menschen und nicht nur ein physisches Organ. Es ist keine bloße Pumpe, was inzwischen bewiesen ist, sondern ein Stauorgan der rhythmischen Mitte und reguliert den Menschen. Es ist Sitz von Empfindungen und von persönlicher Biografie. In der modernen Kardiologie wird es technisch behandelt. Man hat damit zwar ganz viel erreicht, aber die anderen Aspekte werden nicht berücksichtigt. Mein Anliegen ist, das immer wieder darzustellen und mit in unsere Behandlung hier auf der integrativen Kardiologie in Herdecke einzubauen.

 

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