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Interview mit Carl Classen

Dezember 18, 2018

Carl Classen ist als Heilpraktiker in Karlsruhe tätig. Er sagt: “Ein gutes Miteinander zwischen Schulmedizin und Homöopathie ist entscheidend. Die Patienten wünschen das, und gute Heilpraktiker und Ärzte leben es.”

Herr Classen, Sie sind nicht nur als Heilpraktiker tätig, die Hälfte Ihres Engagements setzen Sie in der Ausbildung bzw. im Unterricht ein und zwar am Lehrinstitut ars curandi. Erläutern Sie uns doch bitte, was sich dahinter verbirgt!

Lehre und Praxis gehören für mich unmittelbar zusammen. Denn ich würde nicht lehren wollen, was ich nur abstrakt kenne. Durch Unterricht und Supervisionstätigkeit, durch diese verschiedenen Perspektiven entsteht aber auch eine reflektiertere und sensiblere Praxis. Ich muss nachvollziehbar begründen können, was ich tue.
Auf Deutsch heißt ars curandi ja „Heilkunst“. Der Name ist programmatisch: Die Kunst führt in die Freiheit, aber der Weg dahin führt über Wissenserwerb, Übung und gemeinsame Reflexion.

Was umfasst die Heilpraktikerausbildung generell, wie wird eine hochwertige Ausbildung realisiert, was müssen Lehrer bzw. Institut leisten, was muss der Auszubildende an Zeit und Engagement aufbringen?

Wir unterscheiden den schulmedizinischen Teil der Ausbildung, den der Staat mit der gesundheitsamtlichen Heilpraktiker-Überprüfung kontrolliert, von der Ausbildung in entsprechenden therapeutischen Richtungen. Der erste Teil mit Fächern wie Anatomie, Physiologie, Pathologie und Untersuchungsmethoden bildet die Grundlage der Ausbildung. Wir empfehlen auch, damit zu beginnen. Die Heilpraktiker-Prüfung ist anspruchsvoll, was für den Beruf gut und natürlich notwendig ist. Für die Ausbildung in bestimmten Therapieverfahren empfehlen wir spezialisierte Institute, da gibt es eine Qualitätssicherung nur von Fachgesellschaften. Wir selbst bieten eine dreijährige Homöopathie-Ausbildung an und wer möchte, erwirbt danach eine Zertifizierung durch die „Stiftung Homöopathie-Zertifikat“ SHZ.

Die Zeit für diesen ersten Ausbildungsteil kann zwischen 1,5 Jahre mit einem sehr intensiven didaktischen Konzept und 3 Jahren dauern. Mit der Vertiefung geeigneter Therapieverfahren kommen wir auf 5-7 Jahre. Hinzu kommt lebenslange Fortbildung, bei der auch schulmedizinische Aspekte nicht aus dem Blickfeld geraten.

Geht so eine Ausbildung auch nebenberuflich?

Wir setzen ohnehin nicht auf Vollzeit-Unterricht. Die Ausbildung ist aber keine Nebensache. Die Prioritäten werden sich ganz deutlich verschieben müssen. Erwachsene lernen auch anders. Bestimmte Dinge, wie Bücher lesen und konkrete Vorbereitungen auf den Unterricht, gehen mit Anleitung sehr gut zuhause. Unsere Schüler bilden zudem Mini-Gruppen, die sich außerhalb des Unterrichts treffen, per Skype oder auch persönlich. Wir haben ein sehr effizientes, integratives Konzept mit Kontaktunterricht und persönlicher Lernprozess-Begleitung entwickelt, auf das bereits das „Bundesinstitut für Berufsbildung“ BIBB aufmerksam wurde. Das nutzen auch berufstätige TeilnehmerInnen erfolgreich.

Wo sehen Sie den Schwerpunkt in der Therapie durch Heilpraktiker, also, wenn Sie das Gesundheitssystem einmal in alle Beteiligten wie Krankenhaus, Ärzte und Apotheken einteilen, wo und mit welchen Aufgaben sind die Heilpraktiker dort integriert?

Ich möchte das einmal so charakterisieren: HeilpraktikerInnen stehen ein bisschen außerhalb des Gesundheitssystems mit all seinen rein wirtschaftlich durchregulierten Abläufen. Das ist gut so, denn die PatientInnen suchen bei uns ja etwas „anderes“. Jemanden, der wirklich für „das Ganze“ steht und nicht „von allem ein bisschen“ macht. Sei dies als Ergänzung oder auch dann, wenn die bekannten schulmedizinischen Optionen nur bis zu einem bestimmten Punkt führen. PatientInnen können durch uns nochmal andere Hilfe finden. Und doch stehen wir mitten drin im Gesundheitswesen. „Wesen“ fasse ich also weiter als „System“. Ein strikt schulmedizinischer Arzt darf die Komplementärmedizin ignorieren, aber kein verantwortlicher Heilpraktiker wird je die Schulmedizin ignorieren. Wir stehen ja nicht abseits der Gesamtmedizin. Ich muss mit Ärzten und mit anderen Gesundheitsberufen sachbezogen und kompetent kommunizieren können. Meine Patienten werden immer erleben, dass ich sie sachlich und ideologiefrei berate und ihre Eigenkompetenzen als Patienten stärke.

Was ist der Schwerpunkt in Ihrer Praxis?

Grob gerechnet sind es rund 70% klassische Homöopathie und 30% Beratung und Prozessbegleitung, das heißt Gesundheitsberatung, psychologische Beratung, vielleicht kommen Lebensfragen oder sogar spirituelle Fragen auf, das kann im Einzelfall ganz unterschiedlich sein. Doch was wirkliche Erkrankungen anbelangt, die Menschen kommen ja nicht nur in Lebenskrisen, da kann die Impulswirkung einer guten homöopathischen Verschreibung ganz entscheidend sein. Das ist dann durch kein Gespräch zu ersetzen.

Wie sieht eine homöopathische Behandlung bei Ihnen in der Praxis aus?

Bevor ich in die Behandlung einsteige, orientiere ich mich grob, warum der Patient kommt und was er erwartet, auch welche anderen Behandlungen womöglich laufen. Was möchte oder sollte der Patient vorab wissen? Aufklärung gehört auch dazu. Den formalen Teil kürze ich ab, indem der Patient vorab eine schriftliche Terminbestätigung mit Praxisunterlagen bekommt. Wenn alles Notwendige geklärt ist, beginnt das eigentliche Anamnesegespräch. Das kann in freiem Fluss beginnen und als Homöopath stelle ich sicherlich Fragen, die für einige Patienten ungewohnt sind. Wie ist die genaue Empfindung in einem bestimmten Körperteil? Wie reagieren Sie auf diese oder jene Wetterlage? Wir wollen neben objektiven Symptomen auch die ganze subjektive Erlebenswelt eines Patienten in Erfahrung bringen, weil es zum homöopathischen Handwerk gehört. Ich schreibe mit, und erst nach einer anschließenden Auswertung folgt die Verschreibung. Manchmal wundern Patienten sich, dass ich nur eine Arznei verschreibe und diese vor der Einnahme vielleicht noch verdünnen lasse, das braucht dann etwas Erklärung. Nicht die Arznei als Stoff macht etwas, sondern der Impuls, in gewissem Sinne die Information. Folgetermine und Behandlungsdauer richten sich dann ganz nach der Art der Erkrankung und beobachtetem Verlauf.

Welchen Stellenwert hat ihrer Meinung nach die Homöopathie im Konzert der therapeutischen Möglichkeiten, kurz gesagt, wie ergänzt die Homöopathie Schulmedizin, an welcher Stelle ist Homöopathie alleine die passende Therapie?

Vor 20 Jahren hatten vielleicht noch mehr Menschen die Vorstellung, dass die Homöopathie den größten Teil der Schulmedizin ersetzen könnte. Ich glaube, es gibt wirklich ungenutzte Potenziale, aber ich sehe heute mehr Realismus, was die grundsätzliche Sinnhaftigkeit und gegenseitige Ergänzung verschiedener Ansätze anbelangt. Die meisten Patienten suchen Ergänzungen zu einer konventionellen Therapie. Der eine Pol ist, was der einzelne Patient wünscht und will, der andere, was ich seriös und verantwortlich anbieten kann. Schon ganz am Anfang meiner Praxis kam ein junger Mann mit einer Krebserkrankung, wollte sich aber auf keinen Fall operieren lassen. Das lehnte ich natürlich ab, da so nicht zu verantworten, und bot eine Begleitbehandlung an, wenn er sich operieren lässt. Aber sehr viel häufiger sind Patienten mit Krankheitsbildern, bei denen die Schulmedizin die Beschwerden nur eindämmen kann, ohne etwas zu heilen. Asthma, Neurodermitis, wiederkehrende Migräne und so fort. Jeder einzelne dieser Patienten, dem wir langfristig helfen können, entlastet das Gesundheitssystem von kaum zu beziffernden Beträgen und schenkt einem Menschen ein zufriedeneres Leben zurück.

Stichwort klassische homöopathische Therapie durch Arzt oder Heilpraktiker und Selbstmedikation mit homöopathischen Arzneimitteln. Was gehört in die Sprechstunden von Therapeuten, was geht in Selbstmedikation?

Selbstmedikation gibt es ja nicht nur in der Homöopathie, aber da hat sie traditionell einen besonders guten Platz. Oft verschafft sie die ersten Aha-Erlebnisse, wenn einer erlebt: da tut sich etwas! Und zwar deutlich, obwohl ich eigentlich nicht daran „glaubte“! Einem Menschen bekannte und ihrer Art nach harmlose Beschwerden können durchaus selbst behandelt werden. Wichtig ist ein Bewusstsein der Grenzen. Bei allem, was irgendwie „schlimm“ ist: heftige Schmerzen, hohes Fieber, keine Besserung in angemessener Zeit. Da suchen vernünftige Menschen in der Regel von selbst einen professionellen Behandler auf. Größere Vorsicht ist auch angebracht, wenn eine Erkrankung irgendwie abweicht von dem schon dutzendmal Erlebten: dann immer diagnostisch klären lassen! Besondere Vorsicht auch bitte immer bei Säuglingen, bei sehr kleinen Kindern: Da kann ein harmloser Infekt viel schneller als bei größeren Kindern in eine gefährliche Lungen- oder Nierenentzündung umschlagen. Auf solche Grenzen müssen wir aufmerksam machen

Was sagen Sie zur Kritik an der Homöopathie, Stichwort Wirksamkeit bzw. Placebo?

Diese Kritik kommt ja merkwürdigerweise selten von Ärzten: die meisten wissen ganz gut, dass sie auch keine Götter sind. Die Kritik kommt meistens von den sogenannten Skeptikern. Einige Medien klinken sich ein, weil Negativ-Meldungen die größere Leser-Aufmerksamkeit bringen. Die eigentliche wissenschaftliche Diskussion ist hoch interessant, aber die wird oft stark verzerrend dargestellt. Längst gibt es replizierbare (mit gleichem Ergebnis wiederholbare) Versuche, die belegen, dass sogenannte „homöopathische Hochpotenzen“ ohne messbaren Inhaltsstoff durchaus Organismen beeinflussen können. Auch die klinische Anwendungsforschung bringt ermutigende Ergebnisse. Placebo-Effekte, heißt unspezifische Effekte durch Erwartung oder Einbildung gibt es überall, auch in der Schulmedizin. Autosuggestionen halten aber meist nicht lange an. Es gibt noch viele offene Fragen, ja! Ich würde mir viel mehr Forschung wünschen, auch staatliche Mittel dazu. Aber weniger zum Beweisen und Rechtfertigen der Homöopathie, sondern um uns in der Homöopathie methodisch weiter zu bringen. Denn die Homöopathie ist, trotz antiker Vorläufer, eine noch sehr junge Wissenschaft, gerade etwa 200 Jahre jung. Wir sind nicht perfekt und wollen wissen, wie wir den Patienten noch besser helfen können!

75% der Deutschen halten das Miteinander von Schulmedizin und komplementärer Medizin für richtig. Wie sehen Sie diese Entwicklung bzw. die Zukunft der Medizin in Deutschland? Was wünschen Sie sich?

Ein gutes Miteinander ist wirklich entscheidend. Die Patienten wünschen das, und gute Heilpraktiker und Ärzte leben es. Miteinander heißt aber nicht Vermischung und alles zugleich zu können. Miteinander heißt Respekt vor dem Anderen und vor demjenigen, der etwas Anderes gut kann, und Respekt natürlich vor dem Patienten selbst.

In der Zukunft sehe ich zwei mögliche Entwicklungen. Da dürfen wir uns dann schon etwas wünschen! Das Eine, was ich beobachte, ist die immer weiter zunehmende Dominanz der Kräfte des Geldmarktes auch in Human-Bereichen wie Gesundheit, Pflege, Bildung. Das ergäbe dann quasi einen Gesundheits-Supermarkt für die, die es sich leisten können. Für alle anderen bliebe dann eine institutionell regulierte Grundversorgung. Die Komplementärmedizin würde sich unter dem Druck eines falsch verstandenen Verbraucherschutzes immer mehr in den Wellness-Markt hinein verschieben. Die andere, auch von mir gewünschte Entwicklung setzt voraus, dass wir aufhören, uns als bloße Verbraucher zu begreifen. Unsere Chance ist, dass wir uns als freie, wache Individuen begegnen, mit echtem Interesse aneinander. In den Praxen auf beiden Seiten des Tisches. Da gibt es so Vieles zu entdecken! Durchaus auch Gesundheitsförderung, in uns selbst liegende Gesundheitsquellen. Denn es gibt wirklich Neues zu entdecken und zu erforschen. Zugleich können wir echte, alte Schätze freigraben vom Staub des Aberglaubens.

Weitere Experteninterviews mit Wissenswertem zum Thema Homöopathie finden Sie hier. Hinweis: Die Aussagen in den Interwies geben die persönlichen Auffassungen der Gesprächspartner wieder und werden von uns im Kontext der Diskussion um und über Homöopathie zugänglich gemacht.

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