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Interview mit Prof. Michael Keusgen

April 29, 2019

Wie können Sie als Pharmazeut damit leben, dass es Arzneimittel wie Homöopathika gibt, die keinen üblichen pharmakologisch/pharmakokinetischen Mechanismus haben?

Damit kann ich ganz hervorragend leben! Wir erbringen einen Nachweis der therapeutischen Wirksamkeit eines Präparats. Das mache ich mit klinischen Studien, unabhängig davon, ob die pharmakologische Wirkung bekannt ist oder nicht. Ich möchte ja mit Arzneimitteln therapieren, und deshalb steht an erster Stelle auch der Nachweis, ob es in der Therapie sinnvoll ist oder nicht. Und es gibt hinreichend Studien, die zeigen, dass Homöopathie sehr wohl eine therapeutische Wirksamkeit hat. Die Studien sind zum Teil widersprüchlich, aber es gibt ausreichend Studien die zeigen, dass wir den gewünschten therapeutischen Effekt erzielen können. Auch bei Phytopharmaka ist nur für die Minderheit der Präparate der Wirkmechanismus bekannt. Es ist nichts Ungewöhnliches bei der pharmakologischen Wirkung im Dunklen zu tappen. Etwas Ungewöhnliches würde ich woanders festmachen, wir nehmen auch in der Phytotherapie eine Dosis-Wirkung-Beziehung an, d.h., je  mehr Wirkstoff desto stärker wird die Wirkung, desto stärker werden auch unerwünschte Wirkungen, und das ist in der Homöopathie ja nicht der Fall. Wir haben das Unverständliche, das mit zunehmender Potenzierung die Wirkstärke zunehmen soll – dafür gibt es wissenschaftlich bisher keine griffige Erklärung, was aber ja nicht heißt, dass da nichts dran ist. Denn mit einem naturwissenschaftlichen Ansatz kann ich ja nur beweisen, dass etwas existiert, es gibt aber kein valides experimentelles Set-Up, was mir beweist, dass es etwas nicht gibt. Hier muss man bei der Homöopathie als Naturwissenschaftler also fairerweise sagen, wir wissen nicht, wie das funktioniert, was aber nicht heißt, dass es nicht funktioniert.

Wie sehen Sie als Pharmazeut den Stellenwert der Homöopathie in der Medizin?

Homöopathie fällt ja in den Bereich der Komplementärmedizin, die in Deutschland eine sehr hohe Akzeptanz in der Bevölkerung hat. Die Homöopathie hat vor allem bei leichteren Erkrankungen eine hohe Bedeutung. Etwa bei Schlafstörungen kann man mit der Homöopathie sicherlich viel Gutes tun. Auch bei dem großen Komplex der Verdauungsstörungen – die ja häufig psychisch bedingt sind – sehe ich eine Domäne der Homöopathie.

Welchen Stellenwert messen Sie der Homöopathie in der Ausbildung von Studenten bei?

Einen hohen, denn als Apotheker muss ich mich auch am Kundenwunsch orientieren, und die Verbraucher erwarten, dass sie eine Grundberatung zur Homöopathie in der Apotheke erhalten. Im Pharmaziestudium wird im 3. Semester die Herstellung homöopathischer Arzneimittel gelehrt, in Theorie und Praxis – das gehört zu den Pflichtfächern. Die homöopathischen Herstellungsregeln müssen beherrscht werden, es gehört ja auch zu den Aufgaben eines angehenden Apothekers, sachgerecht Homöopathika herzustellen. Wir bieten sogar schon mal samstags freiwillige Workshops an, bei denen wir auch über den therapeutischen Einsatz von Homöopathika sprechen. Im 3. Prüfungsabschnitt des Staatsexamens prüfe ich regelmäßig Homöopathie. Ich sehe bei den Studierenden eine überwiegend positive Einstellung zur Homöopathie.

Was genau ist das Homöopathische Arzneibuch?

Das Deutsche Homöopathische Arzneibuch (HAB) ist Pflichtlektüre in der Apotheke, es muss vorrätig sein, als Buch oder digital. Das HAB definiert die Qualitätsstandards der homöopathischen Ausgangsmaterialien und definiert die Herstellungsregeln. Dies ist die Grundlage für die Herstellung eines homöopathischen Arzneimittels in Apotheken oder im großen Stil. Das HAB ist sozusagen die Bibel der Qualität für Homöopathika. Für die Hersteller hat das HAB natürlich einen noch größeren Wert, hier werden die Qualitätsstandards beschrieben, die befolgt und dokumentiert werden müssen. Übrigens müssen homöopathische Arzneimittel grundsätzlich denselben Qualitätsanforderungen genügen wie Arzneimittel, die in der Schulmedizin therapeutisch eingesetzt werden.

…das heißt, dass homöopathische Arzneimittel sicher sind?

Homöopathika sind bei ordnungsgemäßer Anwendung und Herstellung sicher. Die Betonung liegt auf ordnungsgemäß. Natürlich gibt es Negativbeispiele, wenn etwa jemand aus einer giftigen Substanz in einer niedrigen Potenz ein Homöopathikum herstellt und dies nicht registrieren lässt. Dann wurden Vorschriften umgangen, denn bei der Registrierung wird vom BfArM festgelegt, ab welcher Potenzstufe ein Präparat mit giftigem Ausgangsmaterial sicher eingesetzt werden kann. Das Missbrauchspotential bei homöopathischen Arzneien würde ich daher als sehr gering einschätzen.

Ist die Homöopathie evidenz-basiert?

Grundsätzlich ist die Homöopathie eine evidenz-basierte Methode. Man muss aber berücksichtigen, dass Hahnemann vor über 200 Jahren nur etwa 70 Ausgangsmaterialien geprüft hat, die haben ihm gereicht. Heute kennen wir etwa 1.400 Ausgangsmaterialien, plus X, wobei rund 400 als gebräuchlich betrachtet werden können. Homöopathische Ärzte sind zudem experimentierfreudig und schauen natürlich, ob sie noch weitere Stoffe für die Therapie verwenden können. Diese riesige Menge an Ausgangsmaterialien hat natürlich auch eine unterschiedliche Evidenz. Es gibt Homöopathika, die eine gute Evidenz haben und welche, die eine geringere haben – es gibt nicht für alle Mittel Studien.

Wo sehen Sie die Homöopathie zukünftig in der Medizin/Pharmazie?

Die Akzeptanz für komplementärmedizinische Methoden – wie die Homöopathie – ist in Deutschland sehr hoch. Ich glaube nicht, dass sich daran etwas ändern wird. Auch auf Seiten der Zulassung haben wir eine sehr stabile Situation, es wird sich regulatorisch nichts verändern.

Warum ist es wichtig, dass Homöopathika apothekenpflichtig sind?

Damit der Verbraucher die Möglichkeit einer fachkundigen Beratung hat, die sicherlich im Drogeriemarkt nicht so gegeben wäre. Ich denke schon, dass bei der Abgabe von Homöopathika ein Beratungsgespräch dazu gehört, etwa zur Einnahme. Es sind Arzneimittel, die häufiger erklärt werden müssen.

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