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Interview mit Prof. Dr. med. Jürgen Pannek, Chefarzt der Neuro-Urologie

September 19, 2019

Interview mit Prof. Dr. med. Jürgen Pannek, Chefarzt der Neuro-Urologie am Schweizer Paraplegiker-Zentrum – einer Spezialklinik für Querschnittgelähmte – in Nottwil im Kanton Luzern, Schweiz.

„Ein ganzheitlicher Blick hilft den Patienten und den Ärzten“

Herr Prof. Pannek, bitte stellen Sie sich kurz vor.

Ich leite am Schweizer Paraplegiker-Zentrum (Zentrum für Querschnittgelähmte) die Neuro-Urologie. Im Rahmen meiner klinischen Tätigkeit als Facharzt für Urologie habe ich den Wert der Homöopathie kennengelernt und daraufhin eine Weiterbildung im Bereich Homöopathie absolviert.

Was genau ist das Paraplegiker-Zentrum?

Wir sind ein Krankenhaus, das sowohl akute als auch rehabilitatorische Aspekte berücksichtigt. Unser Ziel ist die lebenslange, ganzheitliche Betreuung von Patienten mit Rückenmarkverletzungen.

Die Behandlung der Patienten beginnt direkt nach der Erstversorgung. Daher verfügt die Klinik über eine Intensivstation und drei Operationssäle.

Die Patienten verbringen hier ihre gesamte stationäre Rehabilitation, unter Umständen auch mit Folgeoperationen. Wir begleiten die Patienten jedoch auch nach der Entlassung aus der Erstrehabilitation ambulant lebenslang weiter.

Was genau ist Ihr Gebiet, die Neuro-Urologie?

Neuro-Urologen sind Ärzte, die sich mit Funktionsstörungen urologischer Organe – sei es die Blase oder die Sexualorgane – beschäftigen, die Folgen einer Nervenschädigung sind.
Wenn ein Patient eine Rückenmarkverletzung hat, ist die Verbindung zwischen Blase und Gehirn gestört d.h., das Gehirn kann die Blase nicht mehr kontrollieren. Diese Steuerungsprobleme können Symptome verursachen aber auch trotz fehlender Symptome die Nieren schädigen.

Lässt sich die Homöopathie gut in die Praxis integrieren?

Ja, auf jeden Fall. Es gibt zwei Möglichkeiten, wie dies bei uns geschieht:
Einerseits durch den Patienten selbst, der aktiv nach einer homöopathischen Behandlung fragt. Andererseits biete ich dem Patienten eine homöopathische Behandlung an, wenn es aufgrund seiner gesamten Konstitution Sinn machen könnte.

Zudem haben wir auch immer mehr Ärzte auf den Stationen, die mich hinzuholen, wenn sie eine mögliche Indikation für eine homöopathische Unterstützung beim Patienten sehen.

Wie hoch ist die Akzeptanz der Homöopathie bei Therapeuten und Patienten?

Die Akzeptanz der Homöopathie beim Patienten ist hoch. Wir haben dies im Rahmen einer Studie evaluiert und erfahren, dass etwa 80 Prozent unserer Patienten Komplementärmedizin bereits nutzen.

Akupunktur und Homöopathie waren dabei die am häufigsten genutzten komplementären Therapieformen.

Bei den Ärzten ist die Akzeptanz u.a. davon abhängig, wie ihre Ausbildung war. Wir haben hier Ärzte, die in Witten-Herdecke studiert haben, die haben natürlich ein sehr offenes Ohr für Komplementärmedizin inklusive Homöopathie – andere benötigen noch etwas mehr Informationen über dieses Verfahren.

Sind Harnwegsinfekte bei Querschnittgelähmten ein häufiges Problem?

Ja, Harnwegsinfekte sind bei Querschnittgelähmten ein sehr häufiges Problem. Sie verursachen oft Fieber, Krämpfe, Schmerzen oder Inkontinenz, welche die Betroffenen stark belasten.
Die Harnwegsinfektionen entstehen durch die Unterbrechung der Nervenverbindung zwischen dem Gehirn und der Blase, die eine willkürliche Kontrolle der Blase meist nicht mehr möglich macht.

Nahezu alle Personen mit einer Querschnittlähmung leiden an einer Blasenfunktionsstörung. Da die Blase nicht mehr normal entleert werden kann, müssen Hilfsmittel, wie zum Beispiel Einmalkatheter mehrmals täglich benutzt werden. Durch den Gebrauch dieser Fremdkörper steigt das Risiko einer Harnwegsinfektion deutlich.

Wie werden Sie behandelt?

Die Standardbehandlung der Harnwegsinfekte ist eine Therapie mit Antibiotika. Zunächst wird im Labor getestet, gegen welches Antibiotikum die Bakterien empfindlich sind; mit diesen Medikamenten werden die Patienten während ca. 7 Tagen behandelt.

Da Menschen mit Querschnittlähmung häufig Harnwegsinfekte entwickeln, müssen sie oft Antibiotika einnehmen. Dadurch steigt das Risiko, Resistenzen gegen Antibiotika zu entwickeln, das heisst, die Medikamente wirken nicht mehr.

In einer neuen Studie haben Sie untersucht, ob die Homöopathie eine Therapieoption sein könnte. Bitte stellen Sie diese Studie vor.

In unserer Studie haben wir getestet, ob durch eine klassisch homöopathische Behandlung eine Verminderung der Anzahl von Harnwegsinfekten erreicht werden kann. Dazu haben wir Patienten in 2 Gruppen eingeteilt.

Eine Gruppe erhielt eine Standardprophylaxe, die andere Gruppe erhielt zusätzlich zu dieser Standardprophylaxe eine homöopathische Behandlung.

Die Patienten beider Gruppen dokumentierten ein Jahr lang, wie viele Harnwegsinfektionen sie hatten. Dazu erhielten sie Urin-Teststreifen und einen Fragebogen, den sie regelmässig ausfüllten und an uns zurück schickten.

Nach einem Jahr wurden die Anzahl der Infekte und die Zufriedenheit mit der Therapie ausgewertet. Darüber hinaus wurden die Patienten befragt, wie viele Harnwegsinfekte sie im Studienzeitraum wahrgenommen haben.

Die Anzahl der Harnwegsinfektionen wurde im Jahr der Behandlung mit der Anzahl der Infekte im Jahr zuvor, ohne Behandlung, verglichen. Die Häufigkeit der Infektionen im Vorjahr war in den Krankengeschichten der Patienten dokumentiert.

Welche Ergebnisse hat die Studie gebracht?

Während in der Gruppe der Patienten ohne Homöopathie die Infektrate unverändert blieb, sank sie bei den homöopathisch behandelten Teilnehmenden von 9 auf 2 Infekte pro Jahr. Die Zufriedenheit mit der homöopathischen Behandlung war hoch.

Wie bewerten Sie die Studie?

Wir konnten erstmals in einer prospektiven Studie zeigen, dass die Anzahl der Harnwegsinfekte durch eine homöopathische Therapie reduziert werden konnte, während die Infektfrequenz ohne homöopathische Therapie unverändert blieb. Wie alle klinischen Studien hat auch unsere Studie Schwachpunkte. Zum Beispiel war es sehr schwer, die Patienten der Kontrollgruppe, also ohne Homöopathie, dazu zu motivieren, für ein Jahr an der Studie teilzunehmen. Daher waren die beiden Gruppen am Ende nicht gleich gross und unterschieden sich in der Anzahl der Harnwegsinfekte zu Beginn der Studie. Leider gibt es aber in der klinischen Forschung keine ideale Zusammensetzung der untersuchten Gruppen

Meiner Ansicht nach spiegelt die Studie die Situation im klinischen Alltag wider und kann trotz der genannten Einschränkungen klar zeigen, dass die homöopathische Therapie bei den Patienten effektiv wirksam gewesen ist.*

Lässt sich die Homöopathie auch bei anderen Männer-Beschwerden, zum Beispiele bei Problemen mit der Prostata, einsetzen?

Ja, auf jeden Fall. Wir betreuen nicht nur Querschnittgelähmte, wir bekommen auch Patienten von Urologen aus der Region zugewiesen, die keine Lähmung haben.

Deshalb kann ich sagen, dass man Prostatabeschwerden auch homöopathisch gut behandeln kann, allerdings braucht es Therapeuten, die ausreichend Kenntnis davon haben, sowohl aus urologischer wie auch homöopathischer Sicht.

Das heißt, dass die Homöopathie und die konventionelle Medizin auch in der Urologie Hand in Hand gehen können?

Nein, die können nicht Hand in Hand gehen, sie sollten es! Es gibt sehr viele Gesundheitsprobleme, bei denen die Kenntnis des einen die Voraussetzung für das andere ist. Wenn ich etwa eine Blaseninfektion behandle, aber der Patient hat zudem einen großen Stein in der Blase und ich weiß nichts davon, dann behandle ich ihn falsch – auch homöopathisch. Lediglich den Stein zu entfernen, ohne zu schauen wo er herkommt, ist auch noch zu wenig. Ein ganzheitlicher Blick hilft den Patienten und den Ärzten. Das ist ein Erfolgskriterium unserer Sprechstunde.

*Quelle: Journal of Spinal Cord Medicine, February 2018“, Usefulness of classical homeopathy for the prophylaxis of recurrent urinary tract infections in individuals with chronic neurogenic lower urinary tract, dysfunction”, Jürgen Pannek, Susanne Pannek-Rademacher, Mohinder S. Jus, Jens Wöllner & Jörg Krebs, Published online, 27 Feb 2018
https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/10790268.2018.1440692?journalCode=yscm20

 

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