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Interview mit Cornelia Bajic

April 6, 2018

Cornelia Bajic ist Vorsitzende des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte (DZVhÄ). Aus dem Zentralverein heraus bilden sich ehrenamtliche Vorstände und Projektgruppen, die die Ziele der homöopathischen Ärzte vor Ort, im Land und im Bund, in Europa und im Rahmen von internationalen Gremien auch in der Welt vertreten.

Das Interview:

Frau Bajic, Sie sind Vorsitzende des DZVhÄ, was sind die Aufgaben des Vereins?

Der DZVhÄ vertritt die berufspolitischen Interessen seiner Mitglieder und organisiert die ärztliche Weiter- und Fortbildung in Homöopathie.

Wie wird die ärztliche Homöopathie eingesetzt?

Je nach der individuellen Situation des Patienten wird die Homöopathie komplementär – also ergänzend – oder alternativ zur konventionellen Medizin eingesetzt. In manchen Fällen ist sie auch gar nicht angezeigt. Das ist die Entscheidung des Arztes, der die bestmögliche Therapiestrategie für und mit dem Patienten entwickelt.

Findet die Homöopathie in allen Facharztgebieten Anwendung?

Grundsätzlich kann die Homöopathie von allen Fachärzten in ihren Spezialgebieten eingesetzt werden. Besonders häufig aber wird sie in den Praxen von Allgemeinärzten, Internisten, Gynäkologen, Kinderärzten und HNO-Ärzten angewendet.

Wird die Homöopathie sowohl bei akuten als auch chronischen Erkrankungen eingesetzt?

In der täglichen Praxis behandle ich sowohl akute als auch chronische Erkrankungen mit homöopathischen Arzneimitteln. Bei den akuten Erkrankungen sind es zurzeit vor allem grippale Infekte, Hals- oder Mittelohrentzündungen. Die große Domäne der ärztlichen Homöopathie aber sind die chronischen Erkrankungen. Hier kommen viele Patienten ganz gezielt in die Praxen, die auch homöopathisch therapieren, weil ihnen die konventionelle Medizin nicht oder nur eingeschränkt weiter helfen kann.

Können homöopathische Arzneien Antibiotika ersetzen?

Als Arzneimittel generell natürlich nicht. Meine persönliche Erfahrung und die vieler meiner Kolleginnen und Kollegen ist aber, dass wir durch den Einsatz homöopathischer Arzneimittel deutlich weniger Antibiotika verschreiben müssen – sie kommen nur in wirklich indizierten Fällen zum Einsatz und zeigen sich dann auch als wirksam. Bei einer Befragung homöopathischer Ärzte Ende 2017 stellte sich heraus, dass 75 Prozent der Kollegen deutlich weniger Medikamente verschreiben als ärztliche Kollegen mit ähnlichem Tätigkeitsfeld (Fachgruppenschnitt der Kassenärztlichen Vereinigungen, KV). Die größte Gruppe von 22 Prozent der homöopathischen Ärzte gab an, zwischen 60 und 80 Prozent Arzneimittel einzusparen. Hier leisten homöopathische Ärzte einen wertvollen Beitrag im Kampf gegen resistente Keime.

Warum ergänzen sich konventionelle Medizin und Homöopathie?

Alle medizinischen Methoden sollten zum Wohle des Patienten in gegenseitiger Ergänzung eingesetzt werden. Wir sprechen dann von integrativer Medizin, die in Zukunft an Bedeutung gewinnen wird. Die Homöopathie kann zum Beispiel bei Asthma viele Symptome lindern. Die konventionelle Medizin hat hier auch ihre Behandlungskonzepte, der Vorteil für den Patienten liegt in der Kombination der Methoden. Bei funktionellen Erkrankungen könnten auch noch andere Methoden hinzugezogen werden, sei es Bewegungstherapie oder Ernährungsmedizin. Wir setzen uns für Offenheit und gegenseitige Akzeptanz ein.

Wo liegen jeweils die Stärken der konventionellen Medizin bzw. Homöopathie?

Das kommt wiederum auf den jeweiligen Fall an. Ich plädiere aber dafür, mehr die gesamte Medizin und ihre Möglichkeiten für die Patienten im Blick zu haben, als unterschiedliche Methoden. Am Anfang steht immer eine gründliche Diagnostik, es werden auch Fachkollegen hinzugezogen, um sich schließlich ein gutes Bild über die spezielle Situation des Patienten machen zu können. Nur so kann eine für den Fall sinnvolle Therapiestrategie entwickelt werden.

Wird die Homöopathie von Krankenkassen erstattet?

Die private Krankenversicherung erstattet seit über 20 Jahren die homöopathische Behandlung und die verordneten Arzneimittel. Geregelt ist dies in der Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ). Auch in der gesetzlichen Krankenversicherung können die meisten Patienten eine homöopathische Therapie bei ihrem Vertragsarzt erstattet bekommen. Rund zwei Drittel aller Krankenkassen nutzen den gesetzlichen Spielraum und übernehmen die Behandlungskosten für ärztliche Homöopathie ohne jede Zuzahlung. Teilnehmende homöopathische Ärzte und Krankenkassen finden Interessierte auf www.homoeopathie-online.info. Homöopathische Arzneimittel erstatten viele Krankenkassen im Rahmen der sogenannten Satzungsleistungen. Hierzu sollte man sich bei der eigenen Kasse erkundigen.

Wie ist die Homöopathie im Gesundheitssystem verankert?

Die Homöopathie ist sehr gut im Gesundheitssystem dargestellt. Es gibt eine geregelte Weiterbildung über die Ärztekammern, die Homöopathie ist im Fünften Sozialgesetzbuch (SGB V) rechtlich verankert und die meisten Krankenkassen erstatten die homöopathische Therapie. Die Arzneien werden vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) registriert oder zugelassen, was ihre Sicherheit und eine hohe Qualität garantiert, und sie sind apothekenpflichtig. Zudem wird Homöopathie im Rahmen von Wahlpflichtfächern an vielen medizinischen Hochschulen gelehrt.

Welche wissenschaftlichen Belege gibt es für die Wirksamkeit der Methode?

Die ärztliche Homöopathie ist wirksam und evidenzbasiert. Die Evidenzbasierte Medizin (EbM) stützt sich per Definition auf drei Säulen: auf die klinische Erfahrung der Ärzte, die Werte und Wünsche des Patienten und den aktuellen Stand der klinischen Forschung. Die ärztliche Homöopathie wird seit über 200 Jahren erfolgreich angewendet – soweit die klinische Erfahrung; sie wird von Patienten gefordert, was sämtliche sozialwissenschaftlichen Befragungen zeigen. Und eine zusammenfassende Betrachtung klinischer Forschungsdaten belegt hinreichend einen therapeutischen Nutzen der homöopathischen Behandlung. In ärztlicher Hand ist die Homöopathie ein wichtiger Bestandteil einer integrativen Medizin, die das Beste aus der konventionellen Medizin und der ärztlichen Homöopathie zum Wohle des Patienten verbindet.

Welche medizinische Ausbildung haben Sie?

Ich habe ein Medizinstudium an der Universität zu Köln absolviert, meine Facharztausbildung gemacht und bald nach der Approbation mit der Weiterbildung Homöopathie begonnen. Abgeschlossen wird diese Weiterbildung dann in so gut wie allen Ärztekammerbezirken erst nach der Facharztausbildung.

Heißt das, dass im Grunde alle homöopathischen Ärzte Fachärzte sind?

Ja, der ganz überwiegende Teil.

Wie erlangen Ärzte die Zusatzbezeichnung Homöopathie?

Die Struktur und das Curriculum, also die Inhalte der Ausbildung, definiert die Bundesärztekammer. Die Landesärztekammern übernehmen in der Regel diese Muster-Weiterbildungsordnung (MWBO) und erteilen die Zusatzbezeichnung nach bestandener kammerinterner Prüfung. In der Weiterbildung werden die Grundzüge der Homöopathie in vier Modulen gelehrt, außerdem gibt es Fallseminare mit Supervision oder die kontinuierliche Weiterbildung in einer Praxis oder Klinik. Die Weiterbildung läuft berufsbegleitend.

Der DZVhÄ hat das Homöopathie-Diplom eingeführt. Warum?

Das DZVhÄ Homöopathie-Diplom sattelt praktisch auf die Zusatzbezeichnung auf und vermittelt noch mehr Inhalte. Außerdem wird das Diplom nur auf Zeit verliehen, alle fünf Jahre müssen von den Ärzten Fortbildungspunkte eingereicht werden, damit das Diplom verlängert wird. Damit garantiert der DZVhÄ eine ärztliche Homöopathie von hoher Qualität.

Wie oft müssen Sie in Ihrem Verband über ´homöopathische` Behandlungsfehler von Kollegen sprechen?

Ich bin jetzt seit acht Jahren Vorsitzende des DZVhÄ, in diesem Zeitraum ist mir kein derartiger Fall bekannt geworden, speziell auch nicht, dass eine notwendige medizinische Maßnahme unterlassen wurde. Hier greift die doppelte Kompetenz der homöopathischen Ärzte, solide medizinische und homöopathische Ausbildung, was in bestmöglicher Patientenversorgung resultiert.

 

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